Vor 40 Jahren trafen sich im Durchschnitt noch sechs Kinder spontan draußen zum Spielen. Heute sind es nur noch 1,5. Diese Entwicklung ist kein abstrakter Wert – sie zeigt, wie sehr sich unser Alltag verändert hat. Räume für Begegnung verschwinden, gemeinsames Spielen wird seltener, und gerade für Kinder mit Behinderung ist es oft ohnehin keine Selbstverständlichkeit, einfach dazuzugehören.
In Hattingen soll sich das ändern.
Die Lebenshilfe Hattingen hat das Projekt Inklusiver Spielplatz Hattingen initiiert, das mehr ist als der Bau eines Spielplatzes. Es geht um einen Ort, an dem Kinder wieder selbstverständlich zusammenkommen können – mit und ohne Behinderung, mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Perspektiven. Ein Ort, der nicht trennt, sondern verbindet.
Der Hintergrund ist konkret: Im Familienunterstützenden Dienst begleitet die Lebenshilfe rund 100 Familien. Dort zeigt sich sehr deutlich, wo Inklusion im Alltag noch nicht funktioniert. Eltern berichten von fehlenden Begegnungsmöglichkeiten, von Unsicherheiten im öffentlichen Raum und davon, dass ihre Kinder oft nicht Teil eines selbstverständlichen Miteinanders sind. Auch strukturell gibt es Hürden: Leichte Sprache ist in Hattingen kaum präsent, in Schulen funktioniert Inklusion nicht durchgehend, und im öffentlichen Leben fehlt häufig das gewohnte Bild von Vielfalt. Menschen mit Behinderung werden noch immer als „anders“ wahrgenommen – nicht selten mit Distanz.
Was fehlt, sind Orte, an denen Begegnung einfach passiert.
Genau hier setzt das Projekt an.
Geplant ist ein inklusiver Spielplatz in der Munscheidstraße, der nicht nur barrierefrei im klassischen Sinne ist, sondern tatsächlich nutzbar für alle.
Der Unterschied ist entscheidend: Es geht nicht um „barrierearme Zugänge“, sondern um echte Erreichbarkeit und Mitmachbarkeit.
So entsteht zum Beispiel ein ebenerdiges Karussell mit Tisch, das selbstständig angefahren und gestoppt werden kann – Kinder können die Geschwindigkeit beeinflussen und das Spiel aktiv steuern. Schaukeln werden so gestaltet, dass sie über berollbaren Fallschutz erreichbar sind. Rund um den Kletterturm sorgt eine Gießbeschichtung dafür, dass auch radgebundene Hilfsmittel den Zugang ermöglichen. Eine breite Rutsche lädt dazu ein, dass Kinder gemeinsam rutschen – groß und klein, mit und ohne Unterstützung.
Die o.g. Details sind keine Extras. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass gemeinsames Spielen überhaupt stattfinden kann.
Ergänzt wird der Spielraum durch überdachte und windgeschützte Aufenthaltsbereiche. Sie bieten nicht nur Schutz bei einem kurzen Schauer, sondern schaffen auch eine angenehme Umgebung für Begleitpersonen, Eltern und Jugendliche. Denn auch sie sind Teil dieses Ortes – als Beobachtende, als Gesprächspartner, als Menschen, die sich begegnen.
Und genau darum geht es.
Eltern von Kindern mit und ohne Behinderung sollen hier miteinander ins Gespräch kommen können. Begegnung soll nicht organisiert oder erklärt werden müssen, sondern selbstverständlich entstehen. Kinder wachsen gemeinsam auf, lernen voneinander, erleben Unterschiedlichkeit als Normalität.
Ein solcher Ort verändert mehr als den Alltag einzelner Familien. Er verändert Wahrnehmung.
Damit dieses Projekt umgesetzt werden kann, beginnt jetzt eine entscheidende Phase. Fördermittel werden beantragt, Gespräche mit Stiftungen und Unternehmen geführt, Unterstützer gesucht. Die Stadt Hattingen bewertet das Vorhaben positiv, hat sich bisher jedoch noch nicht finanziell eingebracht.
Umso wichtiger ist es, dass dieses Projekt von vielen getragen wird.
Es richtet sich an alle, die Verantwortung übernehmen möchten – an Bürgerinnen und Bürger, an Unternehmen, an Stiftungen und an Menschen, die dazu beitragen wollen, dass Teilhabe nicht nur ein Anspruch bleibt, sondern konkret erlebbar wird.
Denn am Ende geht es nicht nur um einen Spielplatz.
Es geht um die Frage, wie wir zusammenleben wollen.
Und darum, ob wir Orte schaffen, an denen alle dazugehören.
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