Demenzsensible Orte: Warum sie so wichtig sind

Es gibt Blogbeiträge, die schreiben sich fast von selbst. Dieser gehört nicht dazu.

Ich habe mich schwer damit getan, ihn zu schreiben. Demenz ist eine Erkrankung, die mir Angst macht. Eigentlich gibt es nicht viel im Leben, das mir wirklich Angst macht. Aber die Vorstellung, selbst einmal daran zu erkranken, gehört dazu.

Mein Opa ist an Demenz gestorben. Er ist mir sozusagen aus meiner Heimat Hiddenhausen hinterhergezogen. Meine vierköpfige Familie hat miterlebt, wie diese Krankheit einen Menschen total verändert.

Unsere Arbeit und letztlich die gemeinsame Zeit mit meinem Opa, sind der Grund, warum ich mich mit dem Thema „demenzsensible Orte“ beschäftige. Weil ich verstehen will.

Dieser Blogbeitrag ist mein Versuch, das, was ich gelernt habe, verständlich zusammenzufassen. Für mich selbst. Und für andere.

Denn ohne Verständnis bleibt Veränderung aus. Die Anpassung unseres öffentlichen Raums an die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz geschieht nicht von allein. Sie muss aktiv angegangen werden.

Julia Küthe

Inhalt kurz und knapp

Der Gerontologe Prof. Dr. Dr. h. c. Andreas Kruse formuliert es deutlich:

„Wir müssen lernen, das Bild vom demenzkranken Mann und der demenzkranken Frau tiefgreifend zu revidieren. Menschen mit Demenz können durchaus die Fähigkeit zur Kreativität und zu schöpferischem Handeln zeigen. Wir tragen als Gesellschaft und Kultur eine große Verantwortung dafür, dass dies möglich wird und auch Menschen in der Demenz (…) so etwas wie Sinnerfüllung, Glück und Freude spüren.“

Jede*r sollte demenzsensibel sein

Demenzsensibel bedeutet, dass jede Person zumindest ein Basiswissen über Demenz hat. “Wenn mir ein Mensch in der Öffentlichkeit zum Beispiel im Straßenverkehr im Schlafanzug begegnet, sollte ich auf ihn zugehen, weil dieser Mensch möglicherweise Demenz haben könnte und damit Hilfe benötigt.“

Demenzsensibel bedeutet zu wissen, dass es sich um Menschen mit Demenz handelt und nicht um “Demenzkranke”, denn der Mensch steht im Vordergrund, nicht die Krankheit.

Aktuell leben in Deutschland etwa 1,8 Millionen Menschen mit Demenz. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft nennt für 2024 rund 1,84 Millionen Betroffene. Davon sind rund 106.000 Menschen jünger als 65 Jahre. Gleichzeitig steigt die Zahl der Neuerkrankungen weiter an. Und das nicht nur durch demografische Veränderungen. Bis 2050 werden mehr als 2,4 Millionen Betroffene erwartet.

Allein in Bayern leben derzeit rund 270.000 Menschen mit Demenz. Dass das Bundesland inzwischen sogar einen eigenen Demenzfonds eingerichtet hat, zeigt, dass die gesellschaftliche Auswirkungen längst erkannt sind.

Doch trotz dieser Entwicklung fehlt vielerorts noch immer ein entscheidender Perspektivwechsel. Neben der medizinischen Versorgung brauchen die Menschen mit Demenz vor allem Orte, die Orientierung geben, Sicherheit vermitteln und eine echte Teilhabe ermöglichen.

 

Demenzsensible Orte beginnen im Außenraum

Es fehlen vielerorts Begegnungsräume, niedrigschwellige Angebote und öffentliche Sichtbarkeit.

Die Gestaltung von Außenräumen spielt dabei eine zentrale Rolle. Denn Orientierung, Wiedererkennbarkeit und Sicherheit entscheiden darüber, ob Menschen sich selbstständig bewegen können oder sich zurückziehen und gar nicht erst das bekannte Heim verlassen.

Demenzsensible Orte sind deshalb keine Spezialräume für eine kleine Gruppe. Sie sind ein Maßstab dafür, wie menschlich, inklusiv und zukunftsfähig unsere Gesellschaft gestaltet ist.

Menschen mit Demenz und Angehörige müssen Teil der Gesellschaft bleiben und sollten sich nicht, wie zu häufig, zurückziehen müssen und damit in Einsamkeit durch Überforderung geraten.

Wichtige Elemente demenzsensibler Außengestaltung sind:

  • klare Blickbeziehungen
  • Wiedererkennbarkeit
  • Reizdosierung
  • Rundwege statt Sackgassen
  • wiederkehrende Elemente
  • Bewegungsförderung
  • Sitzmöglichkeiten mit Rücken- und Armlehnen


Diese Aspekte wirken auf den ersten Blick unscheinbar. Tatsächlich entscheiden sie jedoch darüber, ob Räume überfordern oder beruhigen und Sicherheit bieten. Ob Isolation wächst oder Bewegung möglich bleibt und Teilhabe gelingt.

Ein demenzsensibler Ort kontrolliert Menschen nicht. Er unterstützt sie dabei, sich weiterhin als Teil des öffentlichen Lebens zu erleben.

 

Natur, Tiere und Begegnung schaffen emotionale Zugänge

Besonders wirksam sind Angebote, die Erinnerungen, Sinneserfahrungen und soziale Kontakte miteinander verbinden. Dazu gehören beispielsweise:

  • erlebnisnahe Bauernhofbesuche
  • Rikscha-Ausflüge
  • Begegnungsgärten oder Hochbeet-Bepflanzungen
  • Sport- und Bewegungsangebote
  • kreative Angebote wie Kunstnachmittage
  • Orte wie Kurparks und
  • Mehrgenerationenhäuser


Wohnortnahe und niedrigschwellige Angebote steigern zusätzlich die Motivation zur Teilnahme.

Die Kombination aus Tieren, Natur und familiärer Atmosphäre schafft emotionale Zugänge. Sie weckt Erinnerungen an die eigene Kindheit und fördert soziale Kontakte. Selbst Jahre nach Eintritt oder Fortschreiten der Demenz können solche Erfahrungen positive Auswirkungen zeigen: Die Betroffenen lachen mehr, sind ruhiger und sprechen wieder oder mehr.

Gerade hierin zeigt sich eine oft unterschätzte Wahrheit: Menschen mit Demenz verlieren nicht ihre Fähigkeit zu fühlen, kreativ zu sein oder Beziehungen zu erleben.

Teilhabe ist keine Zusatzleistung

Teilhabe bedeutet Würde, Zugehörigkeit und Sichtbarkeit.

Oder wie Dr. Sarah Straub formuliert:

„Sichtbarkeit schafft Teilhabe. Vorurteile lassen sich nicht allein durch Wissen abbauen – es braucht echte Begegnung. Teilhabe bedeutet für die Gesellschaft, auszuhalten, dass Menschen (mit Demenz!) ‘anders’ sind – und dieses Anderssein nicht als Makel, sondern als Teil menschlicher Vielfalt zu begreifen.“

Menschen mit Demenz sind auf demenzsensible Lebensräume und passende Teilhabemöglichkeiten angewiesen. Deshalb braucht es Handlungen wie die, die durch den bayerischen Demenzfond ermöglicht werden. Finanziell unterstützende Förderprogramme zum Auf- und Ausbau demenzsensibler Kommunen sind deutschlandweit erforderlich, um gesellschaftliche Teilhabe für Menschen mit Demenz sowie deren An- und Zugehörige zu verbessern.

Sprich, die Lebensqualität verbessern.

Die Kriterien für viele Förderprogramme sind bürgerschaftliches Engagement, Partizipation und Inklusion, was wiederum intrinsische Motivation, Gemeinschaft und das Miteinander voraussetzt. Damit gilt dann der Anspruch der Nachhaltigkeit ganz automatisch und die Unterstützung direkt vor Ort in den Kommunen wirkt langfristig, im besten Fall dauerhaft.

Demenz kann verhindert werden

Demenzsensibilität beginnt nicht erst bei der Diagnose. Die Prävention ist viel wichtiger. Es gilt den Lebensstil unter Umständen zu verändern. Verschiedene Faktoren, die Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensfreude fördern können, müssen in den Tagesablauf integriert werden:

  • Bewegung für die Gesundheit
  • soziale Kontakte für das Gefühl, gesehen zu werden
  • Kommunikation und Austausch, für Bildung und Persönlichkeit
  • persönliche Ausdauer stärken durch Sport und eine gesunde Ernährung


Der Lancet Commission Report von 2024 geht sogar davon aus, dass bis zu 45 % aller Demenzfälle hinausgezögert oder sogar verhindert werden könnten, wenn bekannte Risikofaktoren wie z.B. geringes Bildungsniveau, soziale Isolation und Bewegungsmangel systematisch von Politik und Gesundheitssystemin in Angriff genommen würden.

Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Status haben ein höheres Demenzrisiko, da sie stärker belastenden Faktoren wie unausgewogener Ernährung, Depression, sozialer Isolation oder Umweltbelastungen wie Feinstaub und chronischem Lärm ausgesetzt sind. Betroffene in ländlichen oder strukturschwachen Regionen haben oft schlechteren Zugang zu bestimmten Versorgungsangeboten.

Demenz ist deshalb nicht nur ein medizinisches Thema. Es ist auch eine Frage sozialer Gerechtigkeit, Stadtentwicklung und gesellschaftlicher Verantwortung.

Menschen mit Demenz und ohne

Die eigentliche Herausforderung liegt vielleicht weniger in der Erkrankung selbst als in unserem gesellschaftlichen Umgang damit. Denn Teilhabe schenkt nicht nur Lebensqualität, sondern entscheidet über Sichtbarkeit und stärkt das Gefühl:

Ich bin noch da. Ich bin noch wichtig.

Zurück zur Menschlichkeit und Wertschätzung.

Demenzsensible Orte wirken vielfältig und nachhaltig

Fazit

Die Anpassung unseres öffentlichen Raums an die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz geschieht nicht von allein. Sie muss gewollt, verstanden, geplant und aktiv angegangen werden.

Quellen:

  • https://www.demenz-saarland.de/nc/aktuelles/nachrichten/detail/neue-zahlen-zu-demenz-in-deutschland/
  • https://www.deutsche-alzheimer.de/artikel/deutsche-alzheimer-gesellschaft-stellt-neue-zahlen-zur-demenz-vor-in-den-kommenden-jahren-immer-mehr-menschen-betroffen
  • https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/aeltere-menschen/demenz/nationale-demenzstrategie
  • https://www.sarah-straub.de/demenz/deine-welt-in-meiner-welt

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